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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Seminarreise nach Belorussland.

Ein Reisebericht von Inge Junginger.

Im Mai 1995 war es wieder soweit: 16 Teilnehmer – darunter nur drei Männer – machten sich auf die Reise, um 50 Jahre nach dem Kriegsende die Spuren deutscher NS-Täter aufzusuchen, mit überlebenden Opfern des Holocaust zu sprechen und die Stätten des Grauens mit eigenen Augen zu sehen.

Diesmal sollte es über Brest und Minsk weiter nach Witebsk gehen. Die Leitung lag wieder in den bewährten Händen von Ingrid Damerow.

Nach nächtlicher Zugfahrt gab es in Brest am Vormittag des 7. Mai zunächst eine Stadtrundfahrt, auf der die Stadtführerin eingehend die Geschichte Brests schilderte und auch das Judenghetto erwähnte.

Nachmittags besuchte die Gruppe die Festung und unterhielt sich mit dem Restaurator, der für manchen schon ein guter Bekannter ist.

Am 8. Mai ging die Fahrt weiter nach Kolditschewo, wo sich ein KZ befunden hatte. An der Gedenkveranstaltung auf dem Dorfplatz, wo ein Denkmal errichtet ist, nahm eine große Menschenmenge, Veteranen und Soldaten, teil.

Anschließend besuchte die Gruppe noch das ehemalige Lagergefängnis und setzte die Reise dann in Richtung Minsk fort. Unterwegs machten wir Halt am halbzerstörten Schloß Mir, das während des Krieges als Ghetto gedient hatte.

Die Restaurationsarbeiten sind schon recht weit fortgeschritten, und ein Arbeiter erzählte uns die Geschichte des Schlosses. Der ursprüngliche Besitzer war ein Fürst Radziwill, später ging das Schloß in den Besitz der Familie Mirski über. Unter der Sowjetmacht wurden die Fürsten nach Sibirien deportiert, ein Sohn Mirski kehrte während des 2. Weltkrieges zurück.

Abends waren wir dann in Minsk und kamen im IBB, der von Belorussland und dem Land Nordrhein-Westfalen hier eingerichteten Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte, unter.

Die Feierlichkeiten zum Tag des Sieges – der hier am 9. Mai begangen wird – begannen am Vorabend mit einer Großveranstaltung im Dynamo-Stadion, wo wir mitten unter den Einheimischen auf den Rängen Platz nahmen.

Am folgenden Vormittag mischten wir uns unter die Menschen auf den Straßen von Minsk, die diesen Tag wie eh und je als Festtag begingen und der Truppenparade zujubelten.

Nachmittags kam Ljuba Abramowitsch zu uns, die aus dem Ghetto von Slonim hatte fliehen können und zu den Partisanen gegangen war. Für die Begegnung mit uns hatte sie ihre Kur unterbrochen.

An diesem 9. Mai, der für die Überlebenden der Schreckensherrschaft ja von besonderer Bedeutung ist, war sie außerordentlich bewegt, und erschüttert lauschten wir ihrem Bericht.

Ihr Ehemann, Professor Benjamin Melzer, begleitete sie und fügte so manche Erklärung, insbesondere über die gegenwärtigen Lebensbedingungen jüdischer Menschen in Belarus, hinzu.

Am 10. Mai fuhren wir mit dem Bus nach Witebsk. Die Heimatstadt von Marc Chagall gehörte zu den fünf am meisten zerstörten Städten der Sowjetunion – 96 % aller Gebäude lagen am Kriegsende in Schutt und Asche, und von den 16 000 Witebsker Juden lebte kaum noch jemand.

Unser Betreuer in Witebsk und bei den Ausflügen, die wir von dort aus unternahmen, war Arkadi Schulmann, der Leiter des dortigen Jüdischen Dokumentationszentrums, ein außerordentlich engagierter Mann. Bei der Stadtrundfahrt zeigte er uns die Stelle, wo an der Dwina das Ghetto gelegen hatte, und berichtete von den entsetzlichen Vemichtungsaktionen, die sich dort abgespielt hatten.

Natürlich war Marc Chagall ein interessantes Ziel für uns, und wir besuchten sowohl sein Geburtshaus – das gegenwärtig rekonstruiert wird – als auch das kleine Chagall-Museum. Leider besitzt es keine Originale. Im vorigen Jahr hatte in Witebsk ein internationales Chagall-Festival stattgefunden – übrigens von Arkadi organisiert -, das Künstler aus aller Welt in einer ganz besonderen Atmosphäre zusammengeführt hatte.

Der folgende Tag war Ausflügen in die Umgebung von Witebsk, zu historischen Orten der Vernichtung und des Terrors, gewidmet.

in Gorodok erwartete uns der Veteran Budmann, der als Offizier der Roten Armee an der Befreiung Gorodoks teilgenommen hatte und danach sechs Monate lang Stadtkommandant war. Bis zum heutigen Tag genießt er in Gorodok wie in der ganzen Gegend hohe Achtung.

Er führte uns in den Wald zur Erschießungsstätte von jüdischen Frauen und Kindern, und zeigte uns den Soldatenfriedhof, wo seine Kameraden – die Befreier von Gorodok – begraben sind.

In Gorodok ergaben sich auch ganz spontane Gespräche mit Marktfrauen, die während des Krieges Zwangsarbeiterinnen in Deutschland gewesen waren.

Am Nachmittag waren wir in dem Dorf Surash, einem ehemaligen SchtetI nahe der Grenze zu Russland.

Gerade war die Schule zu Ende, und die Kinder schauten neugierig zu uns herüber – waren wir doch nach dem Krieg die ersten Deutschen, die hierherkamen.

Dort an der Schule steht ein Denkmal für die vier Kinder eines örtlichen Partisanenführers – die größte Tochter war vierzehn, der Kleinste drei Jahre alt -, die von den Deutschen als Geiseln genommen und erschossen worden waren.

Die Schuldirektorin erzählte uns die Geschichte dieser Kinder, und noch ein paar andere alte Frauen berichteten, wie sie als Mädchen oder junge Frauen während des Krieges die Massenerschießung von Juden am jenseitigen Ufer des Flusses beobachtet hatten.

Für viele von uns war diese Begegnung das erschütterndste Erlebnis unserer Reise.

Und schließlich hörten wir auch noch, daß hier bei den schweren Kämpfen des Jahres 1944 viele deutsche Soldaten gefallen waren, daß sich ein paar Frauen (trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer schrecklichen Erlebnisse?) um die Gräber gekümmert hatten und daß jetzt aber an der Stelle gebaut werden soll. Sie baten uns, wenn möglich, deutsche Angehörige dieser Soldaten ausfindig zu machen.

Den Abschluß unseres Besuchs in Surash bildete ein eher komisches Erlebnis. Der Vorsitzende des Dorfsowjets lud uns in seine „Residenz“, wo er unter einem großen, in herrlichen Partien geknüpften Lenin-Gobelin thronte, und wollte wissen, ob wir noch Fragen hätten.

Abends, wieder in Witebsk, hatte uns die Jüdische Gemeinde zu einer Kulturveranstaltung eingeladen, mit der die jüdischen Kriegsveteranen geehrt wurden. Beim anschließenden Treffen mit Veteranen und Persönlichkeiten der Jüdischen Gemeinde gab es noch interessante Gespräche.

Am Freitag, dem 12. Mai, brachte uns unser Bus wieder zurück nach Minsk. Unterwegs machten wir Halt bei der Gedenkstätte Chatyn. Sie ist jenen 604 belorussischen Dörfern gewidmet, die von deutschen Truppen restlos niedergebrannt und deren Bewohner ermordet wurden.

Eine Partisanengruppe hatte die Telefonleitung der Wehrmacht zerstört – das war der Anlaß für die Vernichtung von Chatyn.

Nachdem wir unsere Zimmer im Minsker IBB wieder bezogen hatten, konnten wir abends im Opernhaus eine Aufführung des Balletts „Romeo und Julia“ von Prokofjew erleben.

Der letzte Tag unseres Aufenthalts führte uns zum Vernichtungslager Trostenez, wo eine Gedenkstätte für die mehr als 200 000 hier ermordeten Menschen entstehen soll. Initiator ist der Deputierte der Volksfront Jewgeni Zumarow, der uns hier auch erwartete.

Abgesehen von einem Denkmal außerhalb des Lagergeländes und einer Gedenktafel ist noch nichts von Bau- oder Erdarbeiten zu sehen, auf dem öden Gelände befinden sich Wiesen und ein paar Datschen. Immerhin hat die Initiativgruppe erreicht, daß der Weg zu den Erschießungsstätten jetzt befahrbar ist.

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