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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Gedenkstättenfahrt Brest-Baranovitschi-Minsk vom 13. bis 20. Oktober 1991.

Ein Reisebericht von Ingrid Damerow.

Oradour und Lidice sind bekannt. Doch keiner kennt das Dorf Kortelisi, das 1942 von deutschen Truppen mit fast allen Bewohnern niedergebrannt wurde. Und dabei gab es allein in Belorussland 628 Oradours und Lidices.

Das Ghetto von Warschau kennt man. Doch wer kennt das Ghetto von Minsk, in dem von 1941 bis 1944 bis zu 100 000 Juden auf ihren Tod warten mußten.

Auschwitz ist für jeden ein Begriff. Doch wer kennt Trostenez, die zentrale Vernichtungsstätte Weißrusslands nahe bei Minsk, wo 206 000 Menschen vergast, erschossen und verbrannt wurden?

Um über die verbrecherischen Aktionen aus der Nazi-Zeit wenigstens ansatzweise zu informieren, veranstaltete der Verein Kontakte e.V. Berlin im Oktober eine achttägige Gedenkstättenfahrt nach Weißrussland.

Die beiden Städte Brest (das ehemalige Brest-Litovsk, am Bug, dem Grenzfluß zwischen Polen und der Sovjetunion, gelegen) und Minsk (die Hauptstadt Weißrusslands) waren die Eckpfeiler der Reiseroute.

Es ging mit dem Zug per Liegewagen von Berlin-Hauptbahnhof nach Brest, wo die Gruppe in einem gut geführten Mittelklassehotel zweimal übernachtete.

Brest – grüne Stadt mit schlimmer Vergangenheit

Brest ist heute eine mittlere Kleinstadt mit regem russisch-polnischem Grenzverkehr, was sich auch im Hotelbetrieb bemerkbar macht. Ein reges Treiben herrscht zu allen Tageszeiten in der Hotelhalle.

Zu den Essenszeiten ist der Speiseraum stets voll belegt. Das Essen selbst ist für sowjetische Verhältnisse, wenn man die fast täglichen Krisenmeldungen über die Versorgungslage der Bevölkerung mit Lebensmitteln bedenkt, geradezu üppig.

Zweimal am Tag gibt es ein Fleischgericht. So manch einer aus der Gruppe ist in den letzten Tagen dermaßen fleischübersältigt, daß er die Fleischportion einfach stehen läßt; und das vor dem Hintergrund, daß es Fleisch in den staatlichen Läden kaum und in den freiem Kooperativ-Märkten nur zu kaum erschwinglichen Preisen gibt.

Die Stadt ist recht grün. Jetzt im Oktober bietet sie mit den vielen bunt belaubten Bäumen einen sehr freundlichen, angenehmen Eindruck.

Für Brest sind im Besuchsprogramm ein Vor- und ein Nachmittag vorgesehen, die beide der Festung gewidmet sind.

Die Festung Brest ist heute ein beliebtes Ausflugsziel zu jeder Jahreszeit. Immer sieht man Menschen hinaus- und hineinschlendern, Familien, Soldaten, alte und junge Menschen in Grüppchen und alleine, und das nicht nur an Wochenenden.

Am 22. Juni 1941, morgens um 3.15 Uhr, wurde die Festung von den Deutschen angegriffen, die hofften, sie bis gegen Mittag eingenommen zu haben. Doch es dauerte ganze vier Wochen, bis die Festung fiel.

Die meisten Verteidiger der Brester Festung verloren ihr Leben

Von der Besatzung der Festung blieb nur noch ein kleiner Rest Verteidiger übrig, alle übrigen, einschließlich Frauen und Kinder, die in den Wohnhäusern der stationierten Soldaten wohnten – insgesamt waren es etwa 300 Familien – waren umgekommen.

Neben dem kleinen Museum der Festung besuchen wir auch den alten Restaurator, der seine Arbeitsstätte in zwei Räumen innerhalb der Festungsmauern hat. Ein liebenswerter aller Mann, ständig in Arbeitskluft, mit rissigen Händen, die von den Säuren herrühren, mit denen er die immer noch zutage geförderten, leicht korrodierten, verdreckten und verrotteten Gegenstände bearbeitet.

Ganz stolz ist er, wenn er uns die gereinigten und ordentlich zusammengesetzten Stücke in seiner Werkstatt in den einfachen Holzregalcn präsentieren kann. Da gibt es mal ein altes Tagebuch, einen deutschen Fotoapparat aus der Vorkriegszeit, eine alte Ledertasche, Munitionsstücke, eine Mütze usw.

Der größte Teil der gereinigten Fundsachen wandert ins Museum.

Was ihm aber das größte Vergnügen bereitet – und das nicht nur ihm – ist der kleine Obst- und Weingarten, den er sich in liebevoller Arbeit inmitten der zerfallenen und zerfallenden Festungsmauern angelegt hat.

In ihn gelangt man nur, wenn man durch ein großes, fast zu ebener Erde gelegenes Fenster in einen kleinen Hof hinausklettert, der von zwei Stockwerk hohen Mauern umgeben ist. Hier hat er Obstbäume und Rotweinstöcke angepflanzt. Im Frühjahr ist der ganze kleine Garten voll zarten Grüns.

Im hohen Gras blühen die ersten Blumen, und wenn die Sonne hoch steht und die Luft ganz mild und warm ist, fällt es schwer, sich vorzustellen, was sich an einem solchen Tag vor 50 Jahren hier abgespielt hat.

Oder wir kommen im Herbst. Dann ist der Himmel vielleicht trübe, es nieselt, der Boden ist bedeckt mit einer dicken Schicht vergammelnden, modrigen Laubes, die Bäume sind kahl. Doch der Alte führt uns wieder in seinen Garten.

Wir klettern wieder hinter ihm her, und er zieht uns ein paar Weintrauben ab, die einen eigenen säuerlichen Geschmack haben, und drinnen holt er dann eine Flasche vom letzten Jahrgang und schenkt uns ein.

Dieser bescheidene, stille kleine alle Mann, der sich täglich mit den Spuren von Vernichtung und Tod beschäftigt, schafft sich inmitten dieses Szenarios einen blühenden Garten und bringt die Erde wieder zum Leben und Geben.

Borki: Von den Nazis niedergebrannt – von den Weißrussen wieder aufgebaut

Am nächsten Vormittag fahren wir in ein kleines Dörfchen, schon jenseits der Grenze, in der Ukraine. Wir besuchen ein Dorf, das es gar nicht mehr gibt: Borki, am 23. September 1942 von den Deutschen niedergebrannt, erst spät nach dem Krieg wieder aufgebaut.

Als wir auf einem großen, von Gras kniehoch überwucherten, von einem kleinen Zaun eingerahmten Platz stehen, kommen aus allen möglichen Ecken Dorfbewohner herbei, lauschen eine Weile und drängen dann darauf, daß wir ihnen zuhören.

Und es stellt sich heraus, daß fast alle von ihnen Familienangehörige hatten, die erschossen wurden. Und es sprudelt nur so aus ihnen heraus, sie können gar nicht aufhören, zu erzählen.

Wir gehen dabei ein Stückchen weiter und stehen plötzlich an einer langen Grube, die einmal sehr lief gewesen sein muß. Noch jetzt kann man sie ganz deutlich als Grube ausmachen, obwohl sie im Laufe der Jahrzehnte mit Gras und Wurzelwerk zugewuchert ist.

Direkt daneben drei, vier Grabsteine. Ein alter Mann wischt mit dem Ärmelzipfel seiner Jacke auf den Eingravierungcn des einen Grabsteins herum. Und wir lesen: „Hier sind erschossen worden: mein Vater, meine Mutler, meine Schwester, meine Frau, mein Sohn, meine Tochter.“

Er steht nur da und schaut uns wortlos an. Neben mir eine alle Frau, deren uraller, schäbiger grüner Mantel sich vorne kaum noch schließen läßt, so brüchig und porös ist der Stoff, weint wortlos und still vor sich hin.

Wir stehen alle wortlos an der Grube im feuchten, erdig riechenden Laub. Der Nebel senkt sich langsam auf die Erde, es ist schon ganz schummrig. Hinten, auf der anderen Seite der Grube, geht der Blick weit über die Felder. Kein Licht ist zu sehen, nur weißer Nebel.

Ein bißchen Trostlosigkeit senkt sich auf viele von uns, und mit diesem Gefühl setzen wir uns auch wieder zur Weiterfahrt in den Bus.

Doch was ist unsere momentane Trostlosigkeit verglichen mit der, die sich der Überlebenden damals bemächtigt haben muß, nachdem man ihnen die liebsten Menschen abgeknallt und wie Abfall in die Grube geworfen hatte?

Wir müssen weiter, heute abend noch nach Baranovitschi, unserer nächsten Übernachtungsstation.

Von Baranovitschi sehen wir nicht viel. Wir kommen spät abends in unserem sehr einfachen, doch großen Hotel an, richten uns nur notdürftig auf unseren 3-Bett-Zimmern ein, essen zu Abend In einem riesigen, voll besetzten Speisesaal, an dessen Tischen viele junge Leute sitzen, die zum „Schwoofen“ hierhergekommen sind.

Die Mädchen sind herausgeputzt bis aufs äußerste, Schleifchen im Haar, Rüschen am Busen, viel Schmuck, knapp sitzende Röcke und auffallend, manchmal bis an die Grenze zur Geschmacklosigkeit geschminkt. Die Kapelle spielt brüllend laut, die Verstärker sind voll aufgedreht.

Wir sind von unseren Eßtischen direkt vorne an der Tanzfläche nach hinten ausgewichen, haben uns in der Küche für Rubel Wodka, Sekt und Wein besorgt und können uns hier, ohne Gehörschädigungen und nachfolgenden Stimmbänderkatarrh befürchten zu müssen, unterhalten.

An der Speisesaaltür nach draußen hält der Portier die Tür streng verschlossen und läßt niemanden von den dort Wartenden hinein und niemanden von uns hinaus.

Erst Punkt 23.00 Uhr, als die Kapelle zu spielen aufhört, wird die Tür geöffnet. Und sofort ergießt sich ein Strom von Menschen in den Saal. Überhaupt sind die Vestibüls und Eßsäle der Hotels überall stets mit Unmengen von Mensehen bevölkert.

Es geht zu wie in Bahnhofshallen. Mangels Restaurants oder einfacher Kneipen sind die Hotels die Orte, wo etwas los ist, dort geht man tanzen, einen trinken, dort kann man flippern, vielleicht auch mal ein krummes Geschäft machen.

Nur Mauerreste erinnern noch an das einstige KZ Kolditschevo

Der nächste Morgen bringt uns im Bus in ein neues Dorf, nach Kolditschevo, wo es außerhalb des Dorfes ein KZ für russische Zivilisten gab.

Heute stehen nur noch einige Mauerreste da. Man kann noch die von der Witterung angenagten Wände der sog. Naßzelle sehen, ein paar Eisenträger und im Geviert die Außenwände des Hauses.

Als wir aus dem Bus gestiegen sind und uns langsam sammeln, kommt schon eine alte Frau herbei und guckt neugierig. Auf Befragen fängt sie erst an zu erzählen, wird dabei jedoch immer stockender, bis sie gar nicht mehr reden will, sich wegdreht und weggehen will.

Einige von uns wollen, daß sie dableibt, bedrängen Sascha, unseren jungen Dolmetscher, sie aufzuhalten, machen ihm Vorhaltungen, als er es nicht tut. Er aber wendet sich ab, sichtlich erregt, und sie entfernt sich.

Ich gehe zu Sascha, da ich sehe, daß ihn die ganze Sache sehr mitnimmt, und versuche, beruhigend auf ihn einzuwirken, mich für das Ungestüm meiner Kollegen zu entschuldigen,

Sascha weint, „Mich nimmt die Sache doch auch unheimlich mit. Jeden Tag, immerzu von diesen schrecklichen Morden zu hören. Mein Großvater ist auch von den Deutschen erschossen worden, meine Großmutter konnte sich mit ihren beiden Töchtern noch retten. Und die alte Frau eben wollte nicht mehr reden. Ich kann sie doch nicht halten.“

Ich versuche, Sascha ein wenig unbeholfen zu trösten, am liebsten würde ich ihn umarmen…

Ich gehe wieder zu meinen Kollegen. Sie diskutieren aufgeregt pro und contra. Ist Sascha vielleicht kein guter Dolmetscher? War er nicht ein wenig zu langsam, zu „lahm“ in diesem Fall? Hätte er nicht schneller reagieren müssen?

Ich ärgere mich ein bißchen über die Wendung, die die Sache jetzt genommen hat. Haben die alte Frau und Sascha nicht auch ein Recht, so zu reagieren, wie es ihrer Gemütsverfassung gerade entspricht?

Manchmal ist es mir auf dieser Reise schon so vorgekommen, als befänden wir uns plötzlich in einem rauschähnlichen Zustand des Wiedergutmachenwollens, der Herzcnsöffnung, der milden Güte für alle geknechteten Russen und möchten in diesem Zustand alle Menschen an unser großes, weit geöffnetes Herz drücken.

Doch die Menschen wollen es gar nicht immer. Das müssen wir sehen und akzeptieren.

Vor 50 Jahren kamen wir ungerufen in ihr Land und überschütteten sie mit Bomben und Granaten Jetzt kommen wir wieder ungerufen, wenn auch mit anderen Absichten. Es reicht, wenn wir kommen und ihnen symbolisch die Hand reichen. Aber wir sollten sie nicht wieder überschütten.

Wir gehen wieder zum Bus zurück. Einige von uns werden in ein Haus gebeten, ihnen wird Tee gebrüht, sie bekommen Äpfel geschenkt, dürfen sich unter die kleine IkonensammIimg an der Wand setzen und dürfen die Bewohner zum Abschluß fotografieren.

Eine andere Gruppe von uns steht vor einem Haus, vor dem zwei Frauen sich mit uns unterhalten wollen. Es ist oft nicht ganz einfach, sich mit ihnen zu unterhalten, da die Leute hier Wußrussisch sprechen, das in der Lexik viele andere Worte aufweist.

Die eine Frau fordert uns dringlich auf zu warten, bis sie uns zehn Eier gekocht hat. Die andere bleibt am Gartentor stehen und erzählt uns lebhaft, wie ihr Leben hier im Dorf so verläuft. Sie lebt nicht schlecht, hat eine Kuh, Schweine, ein Schaf, Hühner.

Aber: „Sehen Sie meine Stiefel. Quer über den Fuß ein einziger Riß. Bald fallen sie auseinander. Aber es gibt ja keine. Wenn Sie wiederkommen, bringen Sie mir welche mit.“ Beim Abschied werden wir alle geherzt und geküßt, und ich muß versprechen, im Mai wieder vorbeizukommen. Man winkt uns noch lange hinterher.

Am Nachmittag sind wir in Dzershinsk, wieder ein Kleinstädtchen, über das es sich kaum lohnen würde, viel zu erzählen. Und doch gibt es in Dzershinsk etwas, was den Besuch dieser kleinen Stadt geradezu zwingend macht.

Im Filmarchiv von Dzershinsk

In Dzershinsk gibt es ein Archiv, in dem alte Filme aufbewahrt werden.

Es handelt sich um solche, die von der Roten Armee bei der BefreiungWeißrusslands von der deutschen Besatzung aufgenommen wurden und um solche, die die Deutschen während der Besetzung hier selbst gedreht haben.

Wir sehen einen deutschen Film und einige sowjetische Filme.

Der deutsche ist ein Film für ein zur Kollaboration bereites bzw. gepreßtes Publikum. Er zeigt Szenen aus einer BDM-Einheit (Bund deutscher Mädchen), die lachend, singend, zöpfeschwingend einhermarschiert, fröhlich, sauber und rein an Leib und Seele die Suppe löffelt und den Erntekranz bindet, desgleichen die Burschen.

An einem hohen Feiertag ziehen sie ununterbrochen Boulevard auf, Boulevard ab in gleichem Schritt und adretter Rock-Blusen-Uniform mit in der allgemeinen Parade, die von den hoben SS- und Wehrmachtsoffizieren, flankiert von den kollaborierenden weißrussischen Honoratioren und der Geistlichkeit, abgenommen wird.

Ein Bild von oben verordneter Fröhlichkeit, in Bahnen gelenkter Ausgelassenheil, politisch streng reglementierter Narrenfreiheit.

Und dann als brutales Pendant dazu die Filme der Roten Armee: Leichen, Leichen und nochmals Leichenberge, verrenkt, verstümmelt, verkohlt, zusammengeschmort, sozusagen die Rechnung für die drei Jahre Okkupationszeit.

Es ist mein Trauma während dieser ganzen Reise, mir, die ich im Zeitalter des Zusammenwirkens multinationaler Kulturen aufgewachsen bin, vorzustellen, wie arrogant meine direkten Vorfahren, sprich meine Eltern, mit dem Phänomen einer anderen, fremden Kultur umgegangen sind.

In jedem jungen BDM-Mädchen sehe ich zwangsläufig meine Mutter, in jedem jungen Soldaten, der da über den Platz geht, meinen Vater, von dem ich weiß, daß er in Russland eingesetzt war.

Was ging in ihnen vor?

Was dachte mein Vater im Stillen bei sich, wenn er eine hübsche russische Frau sah? Kam da erst das nationalsozialistische, deutsche Gewissen, das sagte: Nein, russisches Geschmeiß, Iebensunwert, Vernichtung! Oder kam da einfach eine ganz menschliche, instinktive Regung: Hübsche Frau, schön zum Anfassen. Was würd' ich mit der nicht alles anfangen können, wenn halt die Ideologie nicht wär?

Doch dann setzte sich die Ideologie bei den meisten von ihnen durch – vermischt mit ganz unterschiedlichen persönlichen wie allgemeinen Beweggründen – und sie wurden die Schlächter, die es ermöglicht haben, Millionen Russen und Juden auf oft bestialische Weise zu vernichten.

Wenn wir anfangen, uns nach den Voraussetzungen zu fragen, die zu einem solchen Handeln geführt haben, nach den Gründen zu fragen, die die Psyche dieser Menschen so deformiert haben, daß sie im Stande waren, so zu handeln, wenn wir es nicht bei dem Grauen belassen, das uns beim Anhären all dieser schrecklichen, unfaßbaren Geschichten befällt, dann setzt der Lernprozeß ein, ohne den eine Aufarbeitung der Vergangenheit nicht stattfinden kann.

Von Dzershinsk fahren wir nach Minsk, der Hauptstadt Weißrusslands, wo wir für die letzten vier Tage ein ständiges Quartier haben werden.

Auch Minsk ist eine grüne Stadt, viele Bäume in den Straßen, Parkanlagen, Seen. Ein kleiner Teil der Altstadt ist mit hohen Kosten nach alten Vorlagen wieder aufgebaut worden, hübsche alte Bürgerhäuser, schmale Gäßchen mit Kopfsteinpflaster. In der Innenstadt breite Boulevards, auf denen der Verkehr lärmt.

Wir wohnen ziemlich weit draußen, so daß wir uns unters Volk mischen müssen, wenn wir ohne unseren Bus noch abends in die Stadt wollen. Die Metro ist wie überall in der Sowjetunion ein schnelles Verkehrsmittel, die Metro-Stationen sind hell, von riesigem Ausmaß, großzügig angelegt. Die Metro verkehrt in geringen Abständen.

Wir entschließen uns eines Nachmittags spontan, ein Konzert zu besuchen. Die Bekanntmachung lesen wir auf einer Reklametafel in einer Fußgänger-Unterführung. Das Konzert findet in einer kleinen, ehemals polnischen katholischen Kirche statt. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, viel junges Publikum, vor allem junge Mädchen, sitzt in den Kirchenbänken, Wir haben ein paar Pfennige Eintritt bezahlt und erleben einen angenehmen Abend Kammermusik.

Zwei kleine Mahnmale erinnern an das KZ Trostenez

Am nächsten Tag sind wir im Museum des „Großen Vaterländischen Krieges“ und besichtigen hier nur den Trostenez-Saal.

Trostenez, vor den Toren Minsks gelegen, das Auschwitz Belorusslands, Trostenez, die größte Vernichtungsstätle in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten in der Sowjetunion, Trostenez, das Massengrab für 206 000 Menschen, die hier in drei Jahren umgebracht wurden und von denen ungefähr die Hälfte „enterdet“ wurde, das heißt wieder ausgegraben, aufgeschichtet und verbrannt, um auf diese Weise jegliche Spuren des Völkermordes zu tilgen.

In Trostenez erinnern heute nur zwei kleine Mahnmale an die Geschehnisse von vor 50 Jahren. Immer wieder mal findet sich ein langsam vor sich hin verrottender Plastikkranz mit Schärpe zu Füßen eines der Mahnmale, eine offizielle Gewerkschaftsorganisation hat ihn hier einmal abgelegt.

Man hat das Gefühl, daß diese Stätten ein Dornröschendasein fristen. Sie geraten in Vergessenheit. Die Alten, die noch Erinnerungen mit diesen Stellen verbinden, sterben langsam weg, die Jungen wissen zu wenig darüber und wollen oft auch gar nichts mehr darüber erfahren.

Immer wieder haben wir die Erfahrung gemacht, daß die jungen Leute wenig oder nur sporadisch etwas von dem gehört haben, was sich hier vor 50 Jahren abgespielt hat.

Sicher, man hat ihnen in der Schule von den Siegen und dem heroischen Kampf der Roten Armee erzählt, man hat den gefallenen Rotarmisten überall gewaltige, trotzige Denkmäler gesetzt.

Doch an die Massenmorde und die Vcrnichtungsaktionen an der russischen Bevölkerung – von den ermordeten russischen Juden ganz zu schweigen – erinnern nur kleinere, relativ bescheidene Mahnmale, die oft an ganz unscheinbaren Stellen sich befinden.

So auch in Trostenez.

Noch finden wir im Wäldchen von Schaschkova und im Waldstück von Blagowschtschina je einen kleinen, schlichten Gedenkstein, doch das überall wuchernde Gebüsch und das sich selbst überlassene Wäldchen, das an manchen Stellen eher einer wilden Müllgrube ähnelt, werden binnen kurzem der immer näher heranrückenden Phalanx von mehrgeschossigen Wohnhäusern weichen müssen.

Die Frage wird sich stellen, was mit diesen beiden kleinen Gedenksteinen geschehen wird.

Wie wenig offizielle Minsker Stellen überhaupt über diesen Teil der eigenen jüngeren Geschichte informiert sind, zeigt die Tatsache, daß uns bei unserem Besuch in Trostenez ein Mitglied des Denkmalpflegeamtes Minsk begleitet, der sich von Paul Kohl zeigen läßt, wo sich das KZ befunden hat, wo die Gruben, wo der Verbrennungsofen, wo die Gaswagen ausgewaschen wurden, wo die Scheune stand, in der hunderte von russischen Kriegsgefangenen noch mitsamt der Scheune in die Luft gesprengt wurden, während schon das Donnern der Geschütze der Roten Armee immer näher zu hören war…

Interesse für umfassende Geschichtsaufarbeitung wächst

Das Interesse des Denkmalpflegeamtes an diesen Fragen ist uns Beweis dafür, daß man sensibel geworden ist, daß man beginnt, die eigene Geschichte von der anderen Seite, von unten her aufzurollen, den gehörigen Tribut, den man den Opfern der Roten Armee gezollt hat, auch den zahllosen Opfern aus der Zivilbevölkerung zu zahlen.

Wir sind in dieser Woche natürlich auch nach Chatyn gefahren, der zentralen Gedenkstätte für alle von den faschistischen Besatzern umgebrachten weißrussischen Menschen.

Der Ort der Gedenkstätte liegt auf dem Areal des ehemaligen Dorfes Chatyn, das am 22. März 1943 mitsamt all seinen Bewohnern niedergebrannt worden ist.

Jetzt gedenkt man an dieser Stätte nicht nur der verbrannten Bewohner Chatyns, sondern aller ermordeten 2 230 000 Weißrussen aus den 209 zerstörten weißrussischen Städten und den 9200 zerstörten weißrussischen Dörfern,

Für den einen oder anderen ist Chatyn zum Höhepunkt der Reise geworden, manch einer hat in den persönlichen Begegnungen mit Überlebenden mehr erfahren.

Alle aber haben die vielfältigen Möglichkeiten während der Fahrt genutzt, eine große Lücke im jeweils persönlichen Geschichtsbild zu schließen, ein Geschichtsbild, das in beider, deutscher wie sowjetischer, Hinsicht geprägt war von Unwissenheit, Halbwissen, Fehlinformation und Befangenheit.

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